Tag 12. Wir verlassen das Hvítafell Guesthouse in Laugar um 08:00 Uhr und fahren nochmals zum Námafjall bzw sind kurz vorher abgebogen, um zur Grjótagjá (isl. Für „Felsspalte“) zu fahren. Dies ist wie der Name schon sagt eine Felsspalte vulkanischen Ursprungs aufgrund einer Verwerfungszone. Zu Beginn unserer Reise standen wir am Þingvellir und betrachteten denselben Riss, der die amerikanische und eurasische Kontinentalplatte voneinander trennt. Dieser zieht sich über die ganze Insel und kommt auch am Mývatn wieder besonders zum Vorschein. In dieser Felsspalte steht Wasser, welches von einem unterirdischen See gespeist wird. Die Grjótagjá war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Badehöhle beliebt, bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen. Doch aufgrund erhöhter vulkanischer Aktivitäten in diesem Gebiet hatte sich die Wassertemperatur von 30 Grad auf 60 Grad erhöht, was das Baden natürlich unmöglich machte. Inzwischen hat das Wasser eine Temperatur von 43 Grad, das Baden ist noch immer verboten. Gegen 09:00 Uhr erreichten wir die Grjótagjá und machten darin einige Weitwinkelfotos. Da nur wenig Tageslicht hinein fällt, ist ein Stativ für sinnvolle Fotos unbedingt mitzunehmen. Platz hat es nicht wirklich darin, mehr als zwei bis drei Fotografen passen nicht rein, ohne dass man sich dabei gegenseitig auf den Aufnahmen hat. Da wir recht früh dran waren und die ersten waren, konnten wir unsere Wunschfotos jedoch recht schnell machen. Im Übrigen wurde diese Höhle im Jahre 2013 in der Filmwelt berühmt, da eine markante Szene aus „Game of Thrones“ dort gedreht worden ist.

2019 09 27 (4)Die Weiterfahrt führt uns entlang der Ringstraße zum Goðafoss (isl. „Götterwasserfall“), einem der bekanntesten Wasserfälle Islands. Auf eine Breite von etwa 100 Metern stürzt der Skjálfandafljót etwa 12 Meter halbkreisförmig in die Tiefe und wird dabei von mehreren Felsen unterbrochen. Die Form erinnert etwas an die Niagarafälle. Trotz des schlechten Wetters –zeitweise gibt es Nieselregen- sind viele Besucher am Goðafoss. Tiefhängende Wolken machen es schwer, reizvolle Aufnahmen zu bekommen. Ich habe mich daher auf Detailaufnahmen konzentriert, die ich im Nachgang zu Schwarzweißaufnahmen verarbeitet habe, um die Dramatik zu erhöhen. In einer Regenpause mache ich auch Luftaufnahmen, insbesondere die Sicht von oben nach senkrecht unten auf den Wasserfall bringt interessante Perspektiven hervor…

Nur wenige Meter vom Goðafoss entfernt muss man in eine Schotterpiste, die „842“ abbiegen. Folgt man dieser Piste etwa 40 Kilometer, gelangt man zum Aldeyarfoss. Auf Bildern erkennt man hier einen gewaltigen Wasserfall, in dessen Fluten man lieber nicht stürzen möchte. Von zahlreichen Basaltsäulen gesäumt, gehörte er vorab zu meinen Fotofavoriten. Der Eindruck vor Ort war durchaus imposant und begeisternd, doch der wolkenverhangene Himmel sorgte in meinen Augen nicht für zufriedenstellende Fotoaufnahmen. Würde ich diesen Wasserfall noch einmal anfahren? Ja, aber nur bei optimalem Wetter und nachts mit evtl. Aussichten auf Polarlichter.

Weiter geht es in Richtung Akureyri, dem „kleinen Reykjavík im Norden Islands“. Folgt man der Ringstraße, so kann seit Januar 2019 die Strecke durch einen neuen Tunnel, den Vaðlaheiðargöng, abgekürzt werden. Man spart einige Kilometer und Minuten und im Winter evtl. Stress. Doch die Durchfahrt kostet 1.500 Kronen, also etwa 11 Euro. Hochmodern wie die Isländer sind, kann man sich hierfür eine App herunterladen und im Voraus bezahlen für jede einzelne Fahrt oder sogar bis zu 100 Fahrten, so dass es dann nur noch 700 Kronen (5,15 Euro) je Fahrt kostet.

Wir haben uns zur Spazierfahrt außenrum entschlossen, sind also nicht durch den neuen Tunnel nach Akureyri gefahren. Dort angekommen haben wir zuerst das Auto mit Diesel und im Anschluss wir uns mit Lebensmitteln versorgt. Die vielen Bónus Einkaufsmärkte im ganzen Land waren dabei unsere primäre Anlaufstelle, da man dort alles zu relativ günstigen Preisen bekommt. Wir haben uns auch gleich auf den Weg zu unserer Unterkunft gemacht, denn für diesen Tag hatten wir nichts mehr auf dem Programm stehen, außer die Klärung der Frage, wo wir an diesem Abend essen gehen würden.

Eine Tatsache erhöhte jedoch unseren Stresspegel leicht: der vorhergesagte kP-Index erhöhte sich auf Werte zwischen 5 und 6. Je höher der Zahlenwert, desto wahrscheinlicher ist das Auftreten von Polarlichtern. Diese können auf Islands Breiten schon ab kP-Werten um 2 Polarlichtaktivitäten beobachtet werden, ein Auftauchen bei Werten um 6 ist dagegen schon nahezu sicher. Die Wetterprognosen für Akureyri waren für diese Nacht nicht gut, der Himmel sollte bedeckt bleiben. So mussten wir uns also entscheiden, ob wir an Ort und Stelle unter einer dichten Wolkendecke verharren und polarlichttechnisch leer ausgehen oder aufbrechen und auf die Jagd gehen würden.

Auf der Webseite des isländischen Wetterdienstes vedur.is hatte ich ohnehin die ganze Zeit die Wetterlage verfolgt. Auf dieser Seite gibt es nicht nur Wettervorhersagen, sondern auch Prognosen zur Wahrscheinlichkeit von Polarlichtern und wo man diese am besten beobachten kann. Ich studierte die entsprechenden Karten nahezu stündlich aufs Neue und so haben Nicole und ich uns dazu entschlossen, nach dem Abendessen in westlicher Richtung zu fahren.

Gesagt, getan. Noch in der Abenddämmerung haben wir Akureyris Ortsschilder in westlicher Richtung hinter uns gelassen. Auch wenn man in Akureyri gerne an roten Ampeln steht, die roten Herzchen sind einfach zu süß, so haben wir zugesehen, möglichst schnell möglichst viel Land hinter uns zu lassen. Nach etwa 50 Kilometern sind wir ersten Wolkenlücken entgegengefahren. Ein kurzer Stopp, mit dem bloßen Auge war nichts zu erkennen. Die Spiegelreflexkamera hergeholt, auf höchsten ISO-Wert gestellt und freihändig in den Himmel gehalten und siehe da… grüne Flecken am Himmel sind auf dem Display zu sehen. Nach ein paar Kilometern Weiterfahrt wurden die Wolkenlücken größer und wir konnten unsere ersten Polarlichter während dieses Islandaufenthalts fotografieren.

Blassgrüne Vorhänge tanzten über den Himmel zwischen den Sternen, Wolken unterbrechen dieses Schauspiel immer wieder, Aufregung und Stress, beim Fotografieren alles richtig zu machen kommen auf. Insbesondere Nicole setzte sich selbst ziemlich unter Druck, machte am Ende aber doch alles richtig. Dann fuhren wir noch ein paar Kilometer weiter. Bei Sauðárkrókur, 100 Kilometer von Akureyri entfernt, hatten wir schließlich unseren Fotostandort gefunden. Gerade rechtzeitig, denn die erste Polarlichtsichtung hatte sich lediglich als Vorgeplänkel erwiesen. Nun waberten über den kompletten sternklaren Himmel Vorhänge von Aurora borealis. Schnell zuckende oder langsam dahingleitende Lichter, der ganze Himmel war in Bewegung. Nicole ist mit dem Fotografieren nicht hinterhergekommen und ich wusste auch nicht, was ich mit meinen beiden Kameras anstellen sollte. Instinktiv bediente ich beide mit Weitwinkelobjektiven bestückte Kameras. Schließlich klappte es am Ende dann doch noch ganz gut. Doch neben all der Fotografie wollten wir auch eines nicht zu kurz kommen lassen, nämlich das Genießen dieses unglaublichen Spektakels mit dem bloßen Auge!

Nach etwa einer halben Stunde hat die Aktivität nachgelassen. Das Firmament war zwar noch immer in ein deutlich sichtbares Blassgrün gehüllt, doch die sich bewegenden Beamer waren nicht mehr auszumachen. Da wir gut 100 Kilometer von Akureyri entfernt waren und uns mehr als eine Stunde Heimfahrt bevorstehen würde, hatten wir uns dazu entschlossen, die Heimreise anzutreten. Während der Fahrt hatten wir immer wieder den Blick aus dem Auto in die dunkle Nacht geworfen, doch zumindest in dieser ersten Nachthälfte hatten sich keine weiteren Polarlichter mehr gezeigt. Zudem hatte sich der Himmel auch immer weiter mit Wolken bedeckt, je näher wir an unsere Unterkunft gekommen sind. Zufrieden und noch immer aufgeregt fielen wir ausgelaugt ins Bett.

 

Hier noch eine weitere Auswahl an Bildern des zwölften Tages:

Der Goðafoss

Der Goðafoss Der Goðafoss
Der Goðafoss Nach der Fahrt Erste Aurora
Aurora bei Varmahlíð Aurora bei Sauðárkrókur Aurora bei Sauðárkrókur