Tag 10. Wir wurden geweckt von… Fönn. Ein Schaben vor der Zimmertür war zu hören und kaum war die Tür offen, saß er auch schon auf unserem Bett. Heiða hatte ein tolles Frühstück für uns vorbereitet. Sie selbst war zu dem Zeitpunkt bei ihrem alten Nachbarn, weil sie in Reykjavík ein Auto für ihn besorgen soll. Doch nach einiger Zeit ist sie doch noch gekommen, so dass wir uns von ihr verabschieden konnten. Wir haben ihr versprochen, wieder zu ihr zu kommen. In der gegend um Höfn wird uns zukünftig keine andere Wahl bleiben, als bei ihr vorbeizuschauen, was wir aber gerne machen werden.

Um etwa 08:00 Uhr sind wir aufgebrochen. Wir sind die Ringstraße weiter in Richtung Osten gefahren. Nach nur wenigen Kilometern hielten wir jedoch schon an und wollten den Skutafoss besichtigen. Dies ist ein Wasserfall, den man nach etwa zehn Minuten Fußmarsch erreichen kann. Hier fällt das Wasser schätzungsweise sechs Meter in die Tiefe. Aber auch hier gibt es eine Besonderheit: man kann in eine Halbhöhle hinter den Wasserfall laufen und hat auch hier eine tolle Aussicht und ein tolles Feeling, wenn das Wasser vor einem rauscht. Da das Wetter mal wieder sehr trüb ist, halten wir uns nicht sehr lange dort auf und sind schon um 09:00 Uhr auf der Weiterfahrt. Unsere Tagesetappe sollte 280 Kilometer betragen, unterbrochen von mehreren Wasserfällen wie dem Flögufoss und dem Folaldafoss. Aufgrund des schlechten Wetters beschränkten wir uns jedoch auf einen der beiden genannten Wasserfälle und konzentrierten uns auf die recht anstrengende Fahrt aufgrund des mittlerweile immer häufiger einsetzenden Regens. Dichter Nebel hängt so tief, so dass teilweise nicht einmal die nahe der Ringstraße gelegenen Berge zu sehen sind.

Den Part der Ringstraße zwischen Höfn und Reyðarfjörður haben wir so gut wie gar nicht mitbekommen, da wir durch dichte Nebelbänke gefahren sind. Doch mit jedem Meter, den wir uns dem kleinen Städtchen Egilsstaðir genähert haben, wurde es heller und heller, bis sogar die Sonne herausgekommen ist. Scheinbar hatten wir ein großes Schlechtwettergebiet hinter uns gelassen. Hauptprogrammpunkt des heutigen Tages sollte der gewaltige Hengifoss sein. Mit 118 Metern Fallhöhe ist er der vierthöchste Wasserfall Islands. Ein schmaler weißer Strom fällt hier über eine Kante aus schwarzer Lava hinab, die durch fünf rotbraune Streifen durchzogen ist. Dies sind eisenoxidhaltige Lehmschichten, die sich auf den verschiedenen Lavaschichten abgesetzt und verdichtet hatten. Bei mittlerweile anständigem und trockenem Wetter haben wir uns dazu entschlossen, die nicht einfache Wanderung zum Wasserfall anzutreten.

Der Parkplatz am Hengifoss liegt etwa 35 Kilometer von Egilsstaðir entfernt. Schon vom Parkplatz aus sieht man, was einen erwartet: auf 2.500 Meter Wegstrecke müssen 450 Höhenmeter erklommen werden. Die Pfade sind teilweise sehr steil, doch wenn man sich Zeit lässt, ist dies eine tolle Wanderung. Wie bereits erwähnt, war das Wetter mittlerweile gut, auch wenn das direkte Sonnenlicht noch gefehlt hatte. Daher ließ ich die schwere Jacke im Auto und hatte die Wanderung nur mit Pulli angetreten. Nicole war sich nicht so sicher und hatte ihre Jacke lieber anbehalten. Doch der steile Aufstieg sorgte für Hochtouren im Körper, so dass sie etwas ins Schwitzen gekommen ist ;).

Wir benötigten etwa 45 Minuten für den Marsch zum Hengifoss. Immer wieder mal linst er auf dem Weg nach oben zwischen Felsen hervor, doch sein wirklich mächtiges Ausmaß kommt erst wenige Meter bevor man an seinem Fuß steht, zum Vorschein. Unterwegs kamen wir noch am Litlanesfoss vorbei, ein kleinerer Wasserfall, der zwischen tollen Basaltsäulen hinabfällt. Doch kein Vergleich zum Hengifoss, der einen erstmal nur sprachlos dastehen lässt. Es ist trocken, das Licht ist nicht schlecht, nach ein paar Fotos mit der Spiegelreflexkamera, wurde die Drohne nochmal freigelassen. Mit der gesetzlichen Höhenbeschränkung der Drohne von 120 Metern stößt man hier an die Grenzen des Erlaubten, ein Blick über den 118 Meter hohen Wasserfall ist nur schwer möglich, will man sich streng an die gesetzlichen Vorgaben handeln. Man kann dies etwas umgehen, indem die Drohne von einer leicht erhöhten Position gestartet wird, dann klappt das auch mit einem Blick über die Fallkante hinaus :).

Man hätte meinen können, dass der Rückweg aufgrund des abschüssigen Geländes einfacher wäre. Zwar sind wir nicht so sehr ins Schwitzen gekommen, aber der ständige Weg abwärts beanspruchte die Gelenke doch ziemlich stark. Wir freuten uns schon auf den Muskelkater… :). Besonders gemein ist, dass der fast 400 Höhenmeter tiefer gelegene Parkplatz vom Fuß des Hengifoss aus in weiter Ferner sichtbar ist. Umgekehrt ist der Hengifoss vom Parkplatz aus sichtbar und man ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Anstrengungen vor einem liegen... :). Doch jedem Besucher kann ich nur empfehlen, die Strapazen auf sich zu nehmen, der Anblick des Hengifoss ist die Mühen wert!

Um 16:00 Uhr saßen wir wieder im Auto und starteten in Richtung Unterkunft in Seyðisfjörður. Seyðisfjörður ist ein kleines verschlafenes Küstendorf, welches 25 Kilometer von Egilsstaðir entfernt liegt. Man muss jedoch einen steilen Pass überqueren und hat dabei eine tolle Sicht auf Egilsstaðir. Ich kann mir jedoch vorstellen, dass ein Überqueren im Winter keinen Spaß machen würde. Ich habe mittlerweile auch gelesen, dass ein Tunnel zwischen Egilsstaðir und Seyðisfjörður in Planung ist, welcher dann der längste Tunnel im gesamten Land sein und auf den Namen Fjarðarheiðargöng hören soll. Mal sehen, wann Spatenstich ist. Auf jeden Fall wird damit zu rechnen sein, dass der Tunnel mautpflichtig sein wird, zumindest solange, bis die Baukosten erwirtschaftet sein werden.

In Seyðisfjörður angekommen, haben wir gleich die Unterkunft bezogen. Das Örtchen selbst hat außer seiner Idylle nicht viel zu bieten. Man bekommt zwar, was man braucht, aber wer sich entscheidet, hier dauerhaft zu leben, entschließt sich zu einem Leben abseits jeglichen Trubels. Wir waren in der „Old Apothecary“ untergebracht, ein zu einem Gästehaus umfunktionerten Apothekengebäude mit spartanischer Einrichtung. Die Zimmer waren schön und die Unterkunft selbst sehr zentral gelegen, nicht weit von der bekannten „Rainbow road“ mit Blick auf die Seyðisfjarðarkirkja, die Kirche des Ortes. Darüber hinaus haben wir auch wegen des schlechten Wetters, das komischerweise nur auf dieser Seite des Passes herrschte, nicht viel vom Örtchen mitbekommen.

Hatten wir in Egilsstaðir noch vergleichsweise gutes Wetter mit Sonne und einigen Wolken am Himmel, fuhren wir über den Pass in eine dichte Nebelbank, die sich auch bis Seyðisfjörður nicht aufgelöst hat. Wolken und Nieselregen herrschten vor, wo wir lediglich einige Kilometer vorher noch Sonnenschein hatten. Aufgrund dieser Wetterlage haben wir uns entschlossen, in ein erst kürzlich eröffnetes neues Thermalbad zu gehen: das „Vök baths“ bei Egilsstaðir. In bis zu 38 Grad heißen Wasserbecken, die direkt auf dem See Urriðavatn schwimmen, haben wir den Abend ausklingen lassen. Zu einem Bad im 10 Grad kalten See haben wir uns dann doch nicht durchringen können…

 

Hier noch eine weitere Auswahl an Bildern des zehnten Tages:

Der Skutafoss

Der Hengifoss Der Hengifoss
 
Der Hengifoss Schaf