Mit dem achten Tag nähert sich das Ende meiner Islandreise mit großen Schritten. Doch solange diese noch nicht komplett vorüber ist, genieße ich jeden Augenblick in vollen Zügen. Auch an diesem... ähm... Mittwoch!! (man muss an freien Tagen immer wieder überlegen, welcher Wochentag ist) lachte die Sonne vom winterlichen Islandhimmel und bescherte mir so langsam aber sicher erste Färbungen im Gesicht. Aber Urlaub wäre schließlich nicht Urlaub, wenn es nicht genau so wäre, oder? :)

1DX 0847Laut meinem Plan hätte ich heute lediglich einen Ausflug ins Thingvellir vor mir gehabt. Grundsätzlich fuhr ich von Selfoss aus auch erst einmal in diese Richtung. Etwa 50 Kilometer trennen Selfoss von dieser faszinierenden Stätte am gleichnamigen See, dem Thingvallavatn. Dass die kürzeste Strecke über die Straße 36 führt, die nur spärlich geräumt war, verschlechterte meine Laune dabei aber nicht. Ich kam gut voran und man gewöhnt sich an das Fahren auf vereister Fahrbahn. Ich erzählte meinen Gastgebern immer, dass das Fahren im winterlichen Deutschland wesentlich schwieriger ist. Zum Einen dürfen in Deutschland keine Spikes auf den Reifen verwendet werden, die in Island gang und gäbe sind. Man hört dies schon am Abrollgeräusch. Ihr dürft euch jetzt keine 5 Zentimeter lange Stacheln vorstellen, die sich in den Asphalt bohren, es sind lediglich kleine Nupsies, die für ungleich mehr Halt sorgen.

Zum Anderen, und das ist meines Erachtens nicht weniger zu unterschätzen, freaken die Autofahrer in Deutschland aus, sobald nur eine Schneeflocke am Fallen ist. Dann herrschen Ausnahmezustände auf Deutschlands Straßen. Ich hoffe, ihr stimmt mir weitgehend zu. Meine Gastgeber lachten jedenfalls stets herzlich, wenn ich ihnen bildlich davon berichtete. "Wanna learn driving in winter? Come to Iceland!". Ich bilde mir ein, nach mittlerweile 2.500 Kilometern den Dreh einigermaßen raus zu haben. Dennoch ließ ich die Vorsicht nie außer Acht, auch wenn bei erlaubten 90 Stundenkilometern, der eine oder andere Autofahrer (muss dann ein Isländer sein) mit gefühlten 30 km/h Überschuss an mir vorbei zieht. Aber gehupt hat wenigstens bis jetzt keiner.

5D4 3722So... es ging also ins Thingvellir. Nun bereits zum zweiten Mal, nachdem mich meine Reise zum Geysir und Gullfoss bereits daran vorbei führte. Ich berichtete bereits an Tag 4 Grundsätzliches über das Thingvellir. Für genaueres könnt ihr gerne im dazugehörigen Wikipedia-Eintrag nachlesen. Es ist aber immer wieder ein besonderes Gefühl, in diese Landschaft einzufahren. Ich entschloss mich, dieses Mal den oberen Parkplatz anzufahren, auch wenn ich befürchtete, dass dort 272 Busse und 4.812 Autos stehen würden, welchen 1.2 Millionen Touristen entsteigen würden.

Dem war aber bei weitem nicht so, trotz der eigentlich besten Reisezeit von 14 Uhr. Ich stellte mein Auto ab und berappte ein zweites Mal 500 Kronen für das Parken. Auf den etwa 100 Metern zur Aussichtsplattform kamen mir nur eine Handvoll Personen entgegen. Dann folgte der Blick ins Tal... einfach herrlich. Die Sicht in die Weite, auf die Berge im Hintergrund, den markanten fünf Häuschen im Tal mit der Thingvallakirkja, der zerklüfteten, von Furchen und Rissen durchzogenen Landschaft... der Blick schweift nach rechts auf den riesigen See. Dort könnte man Stunden verbringen, ohne dass es langweilig werden würde.

Bereits von weitem konnte ich erkennen, dass drei Busse am Anrollen waren. Also beschloss ich, mich auf den Weg zu machen. Ich hatte vor, das Thingvellir etwas zu Fuß (!) zu erkunden. Also lief ich die Allmannagjá (die Allmännerschlucht) hindurch. Dort fanden vor über 1.000 Jahren die jährlichen Volksversammlungen statt. Der Marsch durch die Schlucht ist sehr beeindruckend, ragen die Felswände links und rechts teilweise doch gut zwanzig Meter in die Höhe. Wegweiser verrieten, wo die nächsten Sehenswürdigkeiten gelegen sind. Im Hinterkopf hatte ich, den Öxarárfoss und die Thingvallakirkja zu besichtigen. Insgesamt sollten dies etwa fünf Kilometer Fußmarsch bedeuten.

5D4 3739Der Weg zum Wasserfall erwies sich anfangs als recht einfach. Lediglich die letzten 200 Meter waren teilweise spiegelglatt und ich konnte einige unachtsame Touristen Bekanntschaft mit Gravitation und Erdboden machen sehen. Auch die Spuren im Schnee verrieten genau, wo es einen in die Waagrechte gelegt hatte. Ich grinste jedes Mal dabei, musste aber zusehen, nicht selbst zu diesem Publikum dazuzugehören. Man musste einfach tierisch darauf achten, wie man einen Fuß vor den nächsten setzen würde. Neben all den Spuren säumten links und rechts der Wege Schriftzüge den Schnee. Viele verewigten ihre Anwesenheit im Eis, zumindest solange, bis es abtauen würde :).

5D4 3733Ich konnte dann aber auch der Versuchung nicht widerstehen und präparierte eine kleine Fotosession im Schnee. Hierzu holte ich den mitgenommenen Danbo (das "Amazon-Kartonmännchen") heraus und probierte etwas herum. So etwas macht sich immer gut als Titelbild für ein Fotobuch. Zwei ältere Damen beobachteten mich dabei und anscheinend gefiel ihnen, was sie da sahen. Sie unterhielten sich auf jeden Fall herzlich mit mir. So... nachdem Danbo symbolisch im Schnee versenkt worden ist, setzte ich meinen Weg zum Öxarárfoss fort. Ich konnte ihn schon hinter der Schlucht hören, zu sehen war er jedoch noch lange nicht. 600 Meter sollten es laut Wegweiser noch sein.

Da war er dann... ich war zunächst allein und konnte sowohl Fotos machen, als auch den Anblick und die Anwesenheit genießen. Der Wasserfall ist nicht besonders hoch, aber man kann den fallenden Wassermassen recht nahe kommen. Schade, dass es dort keine Bank zum Setzen gibt, denn dann wäre die Entspannung noch besser gewesen. Ich stellte mir diesen Ort als Aufnahmekulisse für eine Fotosession vor, des nachts, während der Himmel grün und lila im Schein der Nordlichter funkelt. Ich zog dies auch durchaus in Erwägung, sollte ich die kommende Nacht ja ohne Unterkunft im Auto verbringen. Doch ein Blick auf die WetterApp ließ mich den Gedanken verwerfen, für die Nacht waren Wolken im Thingvellir angekündigt.

Meine Gedanken wurden durch das Anrücken einer Horde Touristen unterbrochen. Genau jene Sorte, die einen fremdschämen lässt. Ein Rudel von etwa sieben Personen jüngeren Alters, teilweise nur mit Jogginghose und T-Shirt bekleidet kam lauthals angeschlichen. Dass dabei die ausgewiesenen Pfade verlassen wurde, dürfte ja selbstredend sein. Man begab sich sogar auf die vereisten Felsen und Eisschlossen fast komplett unterhalb des Wasserfalls, nur um Pose für ein Foto zu stehen. Dass diese Schießbudenfiguren dann natürlich die komplette Szene und Andacht zerstörten, dürfte klar gewesen sein. Zum Glück hatte ich meine ruhigen Momente und konnte den Ort dann auch zufrieden verlassen :).

5D4 3760Der gleiche Weg, der mich zum Wasserfall führte, führte auch zur Kirche. Doch dieses Mal musste ich an den glatten Stellen besondere Vorsicht walten lassen, denn es ging bergab. So kam zur ohnehin quasi überhaupt nicht vorhandenen Haftreibungskraft auch noch Hangabtriebskraft hinzu... eine gefährliche Kombination. Doch alles ging gut. Sowohl Mensch als auch Technik blieben unversehrt. Auf dem Weg zur Kirche waren immer wieder solche gefährlichen Stellen vorhanden. Schließlich war ich auf den letzten Metern zur Kirche. Ein kleines, gemütliches Gebäude mit Friedhof. Nebendran fünf kleine Häuschen. Ich weiß nicht, was sich darin befindet. Aber Wohnen wäre darin sicher sehr nett. Andererseits würden mir die vielen Menschen auf den Geist gehen :).

Nach etwa vier Stunden Aufenthalt und 100 gemachten Bildern begab ich mich zurück zum Auto. Die Blase forderte noch ihr Recht ein und ich suchte eine Porzellanabteilung auf. 200 ISK sollte der Besuch kosten, zahlbar bequem mit Kreditkarten oder 2 x 100 ISK Stücken. Es war sogar offensichtlich eine Person dafür eingstellt worden, den Bezahlvorgang und Funktionstüchtigkeit der Geräte zu garantieren. Dafür waren die Toiletten aber auch in einem tadellosen Zustand, trotz der Masse an Touristen, die diese im Minutentakt aufsuchten.

5D4 3767So... goodbye Thingvellir. Schön wars, ergiebig wars. Eine kurze Verschnaufpause, Essen und Trinken im Auto. Ein Blick auf die Uhr verbunden mit dem Gedanken "was machste nu?" ließ mich weitere spontane Ideen sammeln. So kam ich zu dem Entschluss, aufgrund des guten Wetters noch einmal zum Seljalandsfoss zu fahren. Auch die etwa 120 Kilometer bis dorthin ließen mich nicht abschrecken. Ich wollte unbedingt ein Bild des Wasserfalls mit untergehender Sonne im Hintergrund haben. Zeitlich würde es genau hinhauen, also begab ich mich auf den Weg.

Die Fahrt war absolut unproblematisch, die Straßen waren frei. Am Seljalandsfoss angekommen, freute ich mich, dass dort gerade mal nur noch fünf Autos und ein Bus standen. Teilweise waren diese gerade im Begriff, den Wasserfall zu verlassen. Bis zum Sonnenuntergang hatte ich noch 30 Minuten, so dass ich meine Kameratasche packte und mit dem Stativ losgegegangen bin. Die etwa 200 Meter Wegstrecke bis hinter den Wasserfall entpuppten sich als weitaus gefährlicher als beim ersten Besuch. Durch die wesentlich kälteren Temperaturen gefror das aufgespritzte Wasser augenblicklich und verwandelte die ohnehin unwegsame Strecke in eine Rutschpartie. Teilweise beförderte ich mein Stativ mit den Füßen auf dem glatten Boden, damit ich mich mit beiden Händen festhalten konnte. Eine mit entgegenkommende Touristin meinte auf englisch, dass es nass sei, der Weg sich aber lohnen würde. Ach nee...

5D4 3798Hinter dem Wasserfall angekommen und ca. 150 Liter Wasser absorbierend, fand ich ein recht windstilles, trockenes Plätzchen, an welchem ich Stativ und Kamera aufbaute. Doch die mitgenommenen Tücher und Tüten kamen trotzdem zum Einsatz, um Kamera und Linsen weitgehend wasserfrei halten zu können. Eine asiatische Touristin kam mir entgegen und meinte nur "you're brave, sir". Ja... ich will ja auch was für meine Fotos tun. Außerdem stand sie ja selbst in der riesen Sauerei. Wenn das Wasser wenigstens warm gewesen wäre, hätte ich gerne auch Eintritt dafür bezahlt :).

Doch trotz der widrigen Umstände konnte ich mein fotografisches Bedürfnis erfüllen. Der Blick auf die untergehende Sonne hinter den Wassermassen war einfach umwerfend. Zurück am Auto stellte ich fest, dass ich mittlerweile allein am Seljalandsfoss war. Ich warf den Motor an, zog die triefend nasse Jacke aus und breitete sie zum Trocknen im Kofferraum aus. Auch die mit etwa 16 Litern Wasser vollgesogenen Schuhe zog ich aus und legte sie zum Trocknen in den Fußraum des Beifahrersitzes bei voll laufender Heizung, was sich als gute Idee erwies, denn während der 110 Kilometer langen Autofahrt zum nächsten Stop trockneten diese fast völlig.

5D4 3815Ich entschloss mich also, eine weitere Strecke zu fahren, damit ich am nächsten Morgen nicht mehr so lange unterwegs sein müsste. So begab ich mich schon grob zurück in Richtung Reykjavík. Bereits unterwegs zeigten sich am dunkel werdenden Himmel Nordlichter. Diese waren teilweise sehr hell. Ich fuhr eine Seitenstraße hinein und hielt kurz an. Ich konnte sehen, wie ein Auto nach dem anderen teilweise direkt auf der Ringstraße anhielt. Die Insassen stiegen aus und wollten ebenfalls das Spektakel der Nordlichter beobachten. Ich machte trotz nassen Füßen Aufnahmen, nach etwa 20 Minuten jedoch entschloss ich mich, meine Fahrt fortzusetzen.

Als Ziel wählte ich die Strandarkirkja, etwa 45 Kilometer südlich von Reykjavík. Dort stellte ich mein Auto ab und schlief erst einmal eine Runde. Dann färbte sich der Himmel plötzlich wieder grün: Nordlichter! Nach einigen Aufnahmen an der Kirche, die auch des nachts hell erleuchtet ist, fuhr ich einige Kilometer weiter, um unter dunklem Himmel zu stehen. Dort machte ich noch eine Handvoll weitere Bilder, legte mich aber kurz danach endgültig schlafen, denn es war ein recht anstrengender Tag. Knapp 300 Kilometer Autofahrt, 10 Kilometer Wanderung, da merkt man, dass man was erledigt hat :).

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